Katze in Zeitlupe

Es war eine lange Nacht. Wir haben in engen, rauchverhangenen Bars getrunken, uns durch überfüllte Gassen gezwängt und uns unzählige Male verlaufen. Amsterdam schreit Leben.

Jetzt bin ich müde, doch mein Bett ist noch sechs steile Treppen entfernt und das stimmt mich nicht gerade glücklich. Ich hole tief Luft und will losgehen, als etwas meinen Blick auf sich zieht: In der Ecke neben der Treppe liegt eine Katze. Sie schläft. Der Lärm aus der Hostelbar scheint sie nicht zu stören.

Leise tripple ich zu ihr und gehe in die Knie. Ich streichle ihr übers Köpfchen, ihr Fell ist ganz weich. Seelenruhig bleibt sie liegen.

Irgendetwas stimmt hier nicht.

Ich stupse sie an. Sie rührt sich immer noch nicht. Sachte schüttle ich sie, ihr Körper schlackert lose und mein Herz schlägt ein bisschen schneller. Ich ertrage so einiges, tote Katzen gehören nicht dazu.

Ich schüttle sie noch einmal, und endlich öffnet sie die Augen. Sie schaut mich an, als wäre sie gerade von einer fernen Galaxie zurückgekehrt.

Erschrocken stehe ich auf. Ein junger Mann gesellt sich zu mir.

„Ist sie krank?“, frage ich besorgt und er lacht.

Perplex schaue ich ihn an und frage mich, was so lustig ist.

Die Katze steht derweil auf. Ihre Bewegungen sind fahrig, ihr Blick nicht ganz klar. Wie in Zeitlupe nähert sie sich ihrem Fressnapf.

„Katzen können kein THC abbauen“, klärt mich der Mann neben mir auf.

„Ach du Scheisse“, wispere ich. Die Katze ist endlich bei ihrem Napf angekommen und senkt langsam ihren Kopf um einen Bissen zu nehmen. Wenn ich ihre Bewegungen mit dem gierigen Schlingen meiner Katze vergleiche, wird mir mulmig.

„Ich hab die letzten Tage ein bisschen auf sie aufgepasst“, erzählt er, „Sie benimmt sich eigentlich ganz normal. Nur eben langsamer.“

Kurz lache ich auf, und schäme mich im gleichen Augenblick dafür.

„Ich hab denen bei der Rezeption schon gesagt, dass sie das nicht so lassen können“, sagt er.

„Gut.“

Einen Moment lang bleibe ich noch stehen und schaue der Katze zu. Ihre Bedächtigkeit lässt mich schläfrig werden, ich habe noch nie jemanden so langsam essen sehen, weder Mensch noch Tier.

Bevor ich gehe streichle ich ihr nochmal kurz übers Köpfchen.

Ich glaube, sie hat es nicht bemerkt.

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2 Gedanken zu “Katze in Zeitlupe

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