Müdes Herz – Home from Home

Ich bin am Meer. Es ist frühmorgens, niemand sonst ist hier. Der Wind braust mir kalt ins Gesicht und ich ziehe den Reissverschluss meiner Jacke hoch.
Ich bin seit Jahren nicht mehr am Meer gewesen. Die Klänge überwältigen mich. Das wilde Rauschen, das Geräusch der Freiheit. Diese Weite.
Ich bin müde. Ich bin seit Wochen unterwegs, mein Herz ist es leid, sich ständig von lieb gewonnenen Menschen verabschieden zu müssen. Ich nehme mir vor, mich hier zu erholen.

Abends sitze ich im Hostelzimmer und lese, als sich die Tür öffnet und ein junger Mann hereinkommt. Er hat sich mir heute Morgen vorgestellt, ich habe aber seinen Namen vergessen. Seine Haut ist leicht gebräunt, er kommt aus Hawaii.
Er winkt mir kurz zu und geht zum Bett auf der anderen Seite des Raumes.
„Wie geht’s dir?“ fragt er.
„Ganz gut. Und dir?“
Er nickt nur.
„Wo hast du deinen Bruder gelassen?“, frage ich.
Er zuckt mit den Schultern und ich habe das Gefühl, etwas Falsches gesagt zu haben.
„Er ist alleine in die Stadt“, seine Stimme klingt brüchig und ich überlege fieberhaft, was ich sagen könnte, doch er macht weiter
„Eigentlich mögen wir uns gar nicht wirklich“; er schaut mich nicht an, spricht zur Decke.
„Warum reist ihr dann zusammen?“
Erneut zuckt er mit den Schultern. „Vielleicht wird es so besser, weisst du“

Der nächste Tag überrascht mit Sonne. Die Touristen kommen aus ihren Hotelzimmern, die gestern so leere Strandpromenade ist voller Menschen. Geschnatter, Kindergeschrei, Musik.
Am Imbissstand lässt jemand seine Pommes Frites fallen. Die Möwen stürzen sich darauf.

Nachts ist der Strand leer. Es ist neblig wir können die Sterne nicht sehen.
Wir sitzen zwischen zwei Booten, um uns vor dem Wind zu schützen. Das Meeresrauschen zwingt die Philosophen in uns an die Oberfläche.
„Meinst du, wir werden mit einer fixen Persönlichkeit geboren?“ fragt er.
„Ich glaube schon. Aber wir müssen zuerst eine Menge durchmachen, bis wir sind wer wir sein sollen“
Aber vielleicht ist es auch gar nicht das Meer. Auf Reisen lässt man die Masken schneller fallen.

Wir müssen uns nie wieder sehen, wenn wir nicht wollen.

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