Ein Kuss auf kaltes Glas – Home from Home

“Yes, death. Death must be so beautiful. To lie in the soft brown earth, with the grasses waving above one’s head, and listen to silence. To have no yesterday, and no to-morrow. To forget time, to forget life, to be at peace. You can help me. You can open for me the portals of death’s house, for love is always with you, and love is stronger than death is.”

― Oscar Wilde, The Canterville Ghost

Melancholie liegt wie Nebel in der Luft. Ich habe noch nie so einen grossen Friedhof gesehen. Wir irren zwischen den zahllosen Gräbern hindurch. Es ist schmerzlich schön hier, jedes Grab ist ein Kunstwerk.

Es ist still. Nach Paris‘ Lärm scheint das Ausbleiben lauter Geräusche in meinen Ohren fast zu brummen.

Ein Grab fällt mir auf. Frische Blumen stehen davor, ein wilder Farbklecks zwischen all dem grauen Stein. Ich trete ein wenig näher. Edith Piaf.

Ich bleibe einen Moment stehen und mir fällt wieder ein, was ich eigentlich wollte. Glücklicherweise hat meine Freundin mitgedacht, und den Friedhofsplan fotografiert.

„Wir müssen da lang“, sagt sie, und ich folge ihr einfach, wie ich es schon seit Tagen tue.

Ein paar Meter davon entfernt erkenne ich es sofort und eine Welle der Enttäuschung erfasst mich: Um das berühmte Monument Oscar Wilde’s steht eine Glaswand. Der Sockel, früher über und über mit roten Küssen gezeichnet, ist von einem makellosen grau.

Ich gehe näher, umrunde das Grab. Lose Rosen liegen hinter der Glaswand. Ein Stück Papier, dessen Aufschrifkissest fast verblasst ist: Thank you so much

Einige Rebellen haben sich wohl hochheben lassen und den Grabstein doch geküsst. Ich muss ein bisschen lachen. Es ist niemand da, der mich hochheben könnte, und einen Fremden zu fragen, traue ich mich nicht.

Ich nehme einen kleinen Spiegel und meinen liebsten Lippenstift aus meiner Tasche. Ich schminke mir die Lippen in einem dunklen rot und suche mir eine Stelle, inmitten von anderen roten Abdrücken.

Und dann küsse ich kaltes Glas.

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Die Banalität des Eiffelturms – Home from Home

Ich starre den Eiffelturm an. Es ist ungeheuer seltsam etwas plötzlich vor sich zu haben, das man jahrelang nur auf Bildern gesehen hat.tiny coloured

„Ziemlich banal, nicht?“, meine Pariser Freundin schüttelt den Kopf, ihre Augen überfliegen die Menge vor dem Eiffelturm. Und irgendwie hat sie Recht.

Zahllose Touristen tummeln sich im Park vor dem Eiffelturm, picknicken mit Champagner und Croissants, machen Fotos auf denen es scheint, als würden sie den Turm berühren. Zwischen ihnen wuseln Verkäufer herum und versuchen lautstark ihre Getränke & Selfie – Sticks an den Mann zu bringen.

Idylle geht anders.

Ein Foto von dem Ding mach ich trotzdem. Ein Selfie sogar, völlig verstrubbelt und verschwitzt
von der Hitze und dem Herumirren durch Paris‘ Strassen.

Auftakt – Home from Home

Dies ist der erste Teil einer Artikelserie namens „Home from Home“. Über die nächsten Wochen wird es immer wieder Momentaufnahmen meiner Europareise geben. Ich hoffe du bist dabei und steigst heute mit mir in den Zug. Auf und davon.

Auftakt

Mein knallblauer Koffer reicht mir gerade mal bis zum Knie. Das ist schon wenig Gepäck für einen ganzen Monat.

Zum hundertsten Mal überprüfe ich, ob mein Zugticket noch in meiner Tasche ist und natürlich ist es das. Es ist ja nicht so, als könnte es davonlaufen.

Nervös tripple ich zum Gleis, meine Beine fühlen sich an wie zerkochte Spaghetti. Ich überprüfe meine Sitznummer. Ich muss zum Waggon ganz hinten. Natürlich.

Der Zug ist lang und es kommt mir vor wie eine halbe Ewigkeit, in der ich nach hinten laufe. Zu viel Zeit zum Nachdenken.

Diese Reise war eine totale Affektentscheidung. Beim Lesen eines Reiseblogs gedacht: „Ich sollte das auch endlich mal tun“, und dann innerhalb von Minuten die Route geplant. Geplant. Ich hab einen Kreis auf einer Europakarte gemalt und so war‘s dann. Und jetzt stehe ich hier vor dem Waggon.

Der Schaffner kontrolliert mein Ticket und wünscht mir eine gute Reise. Meinen Platz habe ich schnell gefunden.

Ein junger Mann sitzt neben mir und mein Kopf fängt sogleich damit an, ein Before Sunrise–Szenario zu fabrizieren.

Als der Zug losfährt, entspanne ich mich ein wenig. Ich schaue mich um.

Der Kerl neben mir kritzelt gerade in schön geschwungenem Französisch einen Notizblock voll und scheint an Before Sunrise nicht interessiert zu sein. Überhaupt schreiben hier viele Menschen. Züge in die Ferne scheinen einen plötzlich zum Poeten zu machen; wobei, ich bin ja nicht besser.

Ich lehne mich zurück und schaue aus dem Fenster. Die Landschaft braust an mir vorbei und als wir die Schweiz verlassen, macht mein Herz einen kleinen Sprung.

Und doch bin ich mir gerade sehr sicher, dass die Schnapsidee eine gute Idee war.

Wenn die Zeit reif ist…

Irgendwann, wenn ich ein bisschen mehr Selbstbewusstsein habe, werd‘ ich Ballettstunden nehmen. Wenn die Zeit reif ist, werde ich alleine losziehen, quer durch Europa reisen, nur mit einem Rucksack.

Irgendwann…wenn die Zeit reif ist…wenn der richtige Augenblick da ist…

Ich verrate dir mal was: Irgendwann ist kein definiertes Ziel. Die Zeit wird nicht reif. Den richtigen Augenblick gibt es nicht.

Sind wir jetzt ein bisschen schockiert? Wenn ja, tut’s mir Leid. (Aber nur ein bisschen)

Und wenn du mir das nicht glauben willst, ist das auch okay. Nur hab ich leider den Fehler gemacht auf ominöse richtige Augenblicke zu warten und  dann gemerkt, was da wirklich dahintersteckt: Ich hatte Schiss.

Ich habe gespürt, was zu tun ist, meine Träume klar vor mir gehabt. Doch aus lauter Angst habe ich mir eingeredet, dass ich wohl einfach noch nicht so weit bin.

Ich will nicht, dass du den gleichen Fehler machst.

Dein Leben, deine Verantwortung

Es wird niemand kommen, um dir deine Träume zu erfüllen, und dein Leben zu einem Märchen machen. Du musst das selber tun.

Dein Leben ist ganz allein deine Verantwortung und wenn du etwas willst, musst du es dir holen.

Du musst die Zeit reif machen

Setz dich hin und schreib es auf. Tauche in deine Träume, schau was du da findest und dann…mach es einfach.

Du hast nur ein Leben und es ist deine Verantwortung so glücklich zu sein wie nur irgend möglich.

„Aber ich kann doch nicht einfach…“

Doch. Du kannst.

Niemand sagt, dass du von heute auf morgen dein Leben auf den Kopf stellen musst. Mach so grosse Schritte, wie du magst. Vielleicht sind’s ganz kleine Schritte, und das ist okay. Hauptsache, du fängst an.

Du wirst es nicht bereuen.

Und ich so?

Mir tun die Beine weh von meiner ersten Ballettstunde, und ich stöbere gerade nach dem perfekten Rucksack für meinen Europa – Trip im Sommer.

Die Zeit ist reif. Auch für dich.

Ganz viel Liebe,

Fatima

Kopfhörer (r)aus

Eigentlich liebe ich Musik. Ich liebe das Gefühl, dass sie mir gibt, wenn ich mit einem Lied im Ohr draussen spaziere. Als wäre ich in einem Film und das ist die Anfangssequenz.

Protagonistin läuft mit dümmlichem Grinsen die Strasse entlang.

Fällt fast auf die Fresse, weil sie zu tief in Gedanken vergraben eine Stufe übersehen hat.

Ich hab letztens die Kopfhörer zuhause vergessen, und gehört, wie der Bahnhof klingt. Theoretisch hab ich es ja gewusst: Brausende Züge, viele Menschen, Durchsagen.

Nur gehört hatte ich es schon lange nicht mehr. Für mich klang der Bahnhof allmorgendlich nach Gitarrengedröhne, das versucht meinen Kopf zu wecken und mich für den Tag zu wappnen.

Es war ein sehr seltsamer Tag, so ganz ohne Musik im Ohr, aber langweilig war mir nicht. Ich war da, so richtig da, und nicht mit dem Kopf im irgendwo, sondern habe wahrgenommen, was um mich herum so alles war. Irgendwie ein ganz anderes Gefühl.

Ich mag wie die Stadt klingt. Ich mag Gesprächsfetzen und Autobrummen, das Geräusch hastiger Schritte und das Rauschen des Flusses.

Die Gesichter der Touristen, die das alles zum ersten Mal sehen. Ich frage mich manchmal, was sie wahrnehmen, dass ich verpasse.

Spüren wie der Winter zum Frühling wird, wie die Haut nicht mehr in Gänsehaut ausbricht sobald man draussen ist. Einen Fuss vor den anderen setzen, den Boden spüren.

Die Kopfhörer zu Hause lassen und der Welt zuhören.

Die Dinge sind nur schön, wenn man richtig hinsieht. 

Alles Liebe,

Fatima

 

Bildquelle: https://www.flickr.com/photos/renneville/