Worum es geht

Es geht um Perspektive, sagt man
Was du gewinnst, wenn du verlierst
Was du verlierst, wenn du dich wagst
Zu tun, wonach deine Seele verlangt

Es geht um Mut, sagt man
Welche Schritte man tut und welche nicht
An welche Tür man klopft
Wenn sich eine andere geschlossen hat

Es geht um Vertrauen, sagt man
Das dich ein Netz auffängt, wenn du fällst
Aber fallen
Musst du selber

Es geht um Liebe, sagt man
Lernen, das Mädchen im Spiegel zu mögen
Mit ihr gemeinsame Sache zu machen
Ein Leben lang

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Das wahre Gesicht

Es ist ein morgendliches Ritual
Die Fläschchen, die Tiegel, die Pinsel
Meine Haut, die Leinwand
Wer bin ich heute
Täuschung oder Kunst

An manchen Tagen Maske
Übermale, wie wenig ich tatsächlich schlafe
Rosige Wangen
Als hätte mich die Sonne ein wenig verbrannt
Es regnet seit Wochen

An manchen Tagen Kriegsbemalung
Die breiten, schwarzen Linien
Come at me, ich vertrag’s
Das ist kein Lippenstift
Das ist das Blut meiner Feinde

Es ist ein abendliches Ritual
Kaltes Wasser, Öl und Tuch
Die Entfernung der Schichten
Das Lüften der Wahrheit
Das wahre Gesicht

 

 

 

 

Bildquelle: babi

Jemand anders – Home from Home

Es ist ein dumpfer Moment, wenn du erkennst, dass die Stadt, die du die letzten Jahre hinweg in liebender Erinnerung behalten hast, eigentlich ziemlich langweilig ist.

Ich bin mit einer Freundin hier. Als wir noch jünger waren, frisch ins Teeniealter gestolpert, waren wir oft hier. Doch damals waren wir noch jemand anders.
Wir waren leicht zu beeindrucken, hatten doch noch kaum etwas von der Welt gesehen. Es war Sommer und wir verbrachten Wochen in abgelegenen Dörfern irgendwo in Österreich um zu schreiben.

Wie klammerten uns an die Inspiration, die immer mal wieder vorbeischaute, aber uns so oft durch die Finger zu gleiten schien. Wir lasen uns Geschichten vor, mit mehr oder weniger fester Stimme, uns wappnend vor Kritik. Und zwischen all dem wurden unsere Freundschaften enger, bedeutender.

Wir wuchsen zwischen Worten und Absätzen, legten jede Zeile auf die Goldwaage. Erzählten uns von wilden Träumen und Geschehnissen, aber stets darauf bedacht keine billigen Phrasen zu verwenden. Ausgemerzte Füllwörter zwischen nächtlichen Geständnissen und frühmorgendlichem Frust.

Zusammen wurden wir, wer wir sind.

Bildquelle: Costel Slincu

Berlin, ich liebe dich – Home from Home

Wir gehen Hand in Hand durch Berlins Strassen. Wir besprechen, was wir heute machen. Wo wir hingehen. Was wir essen.
Nach Wochen alleine, in der die alles dominierende Frage Was will ich? war, muss ich mich wieder daran gewöhnen. Es ist etwas seltsam zu Anfang, dieses nicht mehr allein sein.
Es ist schön, Dinge gemeinsam erleben zu können, auch wenn es vielleicht nicht die Dinge sind, die ich selbst unbedingt machen möchte.
Aber vielleicht ist „Ich gehe mit dir zu diesem elenden Museum, dass mich gar nicht interessiert“ so eine Art von Ich liebe dich.
Weil ich meine Katze so furchtbar vermisst, setzt du dich einen Nachmittag lang in ein quietschrosa Katzencafé. Ich liebe dich.
Ich stelle mich mit dir eine Stunde vor diesem Club an, dessen verlangtes Level an Coolness wir wohl unser Lebtag nicht erreichen. Ich liebe dich.

Vielleicht ist Liebe sowas wie vom Was will ich abrücken, um dich zu fragen, was du möchtest.

 

BIldquelle: Jörg Schubert

Müdes Herz – Home from Home

Ich bin am Meer. Es ist frühmorgens, niemand sonst ist hier. Der Wind braust mir kalt ins Gesicht und ich ziehe den Reissverschluss meiner Jacke hoch.
Ich bin seit Jahren nicht mehr am Meer gewesen. Die Klänge überwältigen mich. Das wilde Rauschen, das Geräusch der Freiheit. Diese Weite.
Ich bin müde. Ich bin seit Wochen unterwegs, mein Herz ist es leid, sich ständig von lieb gewonnenen Menschen verabschieden zu müssen. Ich nehme mir vor, mich hier zu erholen.

Abends sitze ich im Hostelzimmer und lese, als sich die Tür öffnet und ein junger Mann hereinkommt. Er hat sich mir heute Morgen vorgestellt, ich habe aber seinen Namen vergessen. Seine Haut ist leicht gebräunt, er kommt aus Hawaii.
Er winkt mir kurz zu und geht zum Bett auf der anderen Seite des Raumes.
„Wie geht’s dir?“ fragt er.
„Ganz gut. Und dir?“
Er nickt nur.
„Wo hast du deinen Bruder gelassen?“, frage ich.
Er zuckt mit den Schultern und ich habe das Gefühl, etwas Falsches gesagt zu haben.
„Er ist alleine in die Stadt“, seine Stimme klingt brüchig und ich überlege fieberhaft, was ich sagen könnte, doch er macht weiter
„Eigentlich mögen wir uns gar nicht wirklich“; er schaut mich nicht an, spricht zur Decke.
„Warum reist ihr dann zusammen?“
Erneut zuckt er mit den Schultern. „Vielleicht wird es so besser, weisst du“

Der nächste Tag überrascht mit Sonne. Die Touristen kommen aus ihren Hotelzimmern, die gestern so leere Strandpromenade ist voller Menschen. Geschnatter, Kindergeschrei, Musik.
Am Imbissstand lässt jemand seine Pommes Frites fallen. Die Möwen stürzen sich darauf.

Nachts ist der Strand leer. Es ist neblig wir können die Sterne nicht sehen.
Wir sitzen zwischen zwei Booten, um uns vor dem Wind zu schützen. Das Meeresrauschen zwingt die Philosophen in uns an die Oberfläche.
„Meinst du, wir werden mit einer fixen Persönlichkeit geboren?“ fragt er.
„Ich glaube schon. Aber wir müssen zuerst eine Menge durchmachen, bis wir sind wer wir sein sollen“
Aber vielleicht ist es auch gar nicht das Meer. Auf Reisen lässt man die Masken schneller fallen.

Wir müssen uns nie wieder sehen, wenn wir nicht wollen.

Katze in Zeitlupe

Es war eine lange Nacht. Wir haben in engen, rauchverhangenen Bars getrunken, uns durch überfüllte Gassen gezwängt und uns unzählige Male verlaufen. Amsterdam schreit Leben.

Jetzt bin ich müde, doch mein Bett ist noch sechs steile Treppen entfernt und das stimmt mich nicht gerade glücklich. Ich hole tief Luft und will losgehen, als etwas meinen Blick auf sich zieht: In der Ecke neben der Treppe liegt eine Katze. Sie schläft. Der Lärm aus der Hostelbar scheint sie nicht zu stören.

Leise tripple ich zu ihr und gehe in die Knie. Ich streichle ihr übers Köpfchen, ihr Fell ist ganz weich. Seelenruhig bleibt sie liegen.

Irgendetwas stimmt hier nicht.

Ich stupse sie an. Sie rührt sich immer noch nicht. Sachte schüttle ich sie, ihr Körper schlackert lose und mein Herz schlägt ein bisschen schneller. Ich ertrage so einiges, tote Katzen gehören nicht dazu.

Ich schüttle sie noch einmal, und endlich öffnet sie die Augen. Sie schaut mich an, als wäre sie gerade von einer fernen Galaxie zurückgekehrt.

Erschrocken stehe ich auf. Ein junger Mann gesellt sich zu mir.

„Ist sie krank?“, frage ich besorgt und er lacht.

Perplex schaue ich ihn an und frage mich, was so lustig ist.

Die Katze steht derweil auf. Ihre Bewegungen sind fahrig, ihr Blick nicht ganz klar. Wie in Zeitlupe nähert sie sich ihrem Fressnapf.

„Katzen können kein THC abbauen“, klärt mich der Mann neben mir auf.

„Ach du Scheisse“, wispere ich. Die Katze ist endlich bei ihrem Napf angekommen und senkt langsam ihren Kopf um einen Bissen zu nehmen. Wenn ich ihre Bewegungen mit dem gierigen Schlingen meiner Katze vergleiche, wird mir mulmig.

„Ich hab die letzten Tage ein bisschen auf sie aufgepasst“, erzählt er, „Sie benimmt sich eigentlich ganz normal. Nur eben langsamer.“

Kurz lache ich auf, und schäme mich im gleichen Augenblick dafür.

„Ich hab denen bei der Rezeption schon gesagt, dass sie das nicht so lassen können“, sagt er.

„Gut.“

Einen Moment lang bleibe ich noch stehen und schaue der Katze zu. Ihre Bedächtigkeit lässt mich schläfrig werden, ich habe noch nie jemanden so langsam essen sehen, weder Mensch noch Tier.

Bevor ich gehe streichle ich ihr nochmal kurz übers Köpfchen.

Ich glaube, sie hat es nicht bemerkt.

Leere Becher – Home from Home

Antwerpen ist still bei Nacht. Ich schlendere mit zwei Mädels durch die Strassen. Wir haben uns gerade erst kennengelernt.

Nach Tagen alleine in Museen, Cafés und dem 10-Bett-Zimmer des Hostels standen sie plötzlich im Raum. Sie heissen Lizzy und Mara, und schlugen vor, auszugehen.

Jede von uns hält einen Plastikbecher randvoll mit Vodka-Cola in der Hand. Ich habe keine Ahnung wo wir hingehen, aber Mara behauptet, sie wisse ganz genau wo der Club ist, und ich glaube ihr einfach mal.

Wir reden viel. Mara jammert darüber, dass sie keine Motivation habe, Sprachen zu lernen, da ja sowieso jeder Englisch könne. Sie ahnt voraus, wohl das ganze Leben, ein einsprachiger Dummkopf zu bleiben.

Gerade als ich widersprechen will, drückt mir Lizzy ihren Becher in die Hand. „I gotta piss“ verkündet sie, und verschwindet hinter einem Baum. Glücklicherweise läuft gerade niemand vorbei.

Mara lacht. „We’re brits, we piss everywhere“

In meinem Kopf wird gerade das Klischee der eleganten Briten zerstört.

Während wir auf Lizzy warten, schaue ich mich um. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass wir an diesem Haus schon einmal vorbeigelaufen sind.

Ich frage Mara, ob sie wirklich weiss wohin wir gehen. Sie kichert und ich kichere mit ihr.

Unsere Becher sind fast leer.

 

 

Bildquelle: Krzysztof Belczyńsk